Header

Suche

Strategische Ignoranz und die Attraktivität des Handelns

Eine neue Studie, die im The Economic Journal publiziert wurde, zeigt: Strategische Ignoranz nimmt ab, wenn Menschen glauben, dass ihr Handeln tatsächlich einen Unterschied bewirken kann.

Von Online-Feeds über Schlagzeilen auf der Titelseite bis hin zu alltäglichen Gesprächen – neue Informationen sind allgegenwärtig. Die Entscheidung, Informationen aufzunehmen, hängt nicht nur davon ab, ob sie nützlich sind, sondern auch davon, ob sie als gute oder schlechte Nachrichten wahrgenommen werden. Menschen meiden im Allgemeinen belastende Informationen über ihre Umwelt oder ihr Wohlbefinden, etwa eine drohende wirtschaftliche Rezession, Berichte über gewaltsame Konflikte, den Ausbruch einer Pandemie oder die Bedrohung durch den Klimawandel. Da die Auseinandersetzung mit solchen Informationen beunruhigend sein kann, werden sie mitunter bewusst ignoriert – selbst, wenn dadurch wertvolle Erkenntnisse für bessere Entscheidungen verloren gehen.

Solche strategische Ignoranz kann zwei unterschiedliche Formen annehmen. Erstens können Menschen Informationen aktiv vermeiden, bevor sie ihnen überhaupt ausgesetzt sind. Zweitens können sie Informationen, selbst wenn sie diese freiwillig oder unfreiwillig erhalten haben, absichtlich vergessen. Tillmann Eymess, Senior Researcher am Department of Economics, und seine Co-Autorinnen untersuchten, ob die wahrgenommene Fähigkeit zu handeln strategische Ignoranz ursächlich reduziert – sowohl in Form des bewussten Vermeidens als auch des absichtlichen Vergessens von Informationen.

Belastende Informationen werden häufig ignoriert, wenn Menschen glauben, dass sie wenig tun können, um Risiken zu mindern. Beispiele sind das Vermeiden medizinischer Tests bei unheilbaren Krankheiten, das Nichtüberprüfen des eigenen Finanzportfolios während eines Markteinbruchs oder das Vergessen schlechter Anlageentscheidungen. Zudem gilt: Je gravierender die möglichen Konsequenzen sind, desto eher vermeiden Menschen die entsprechenden Informationen. Das deutet darauf hin, dass Menschen Risiken oft nur zögerlich ins Auge fassen, Informationen verzerrt interpretieren oder sich schlicht nicht mehr an das erinnern, was sie wissen.

Evidenz aus einem Experiment zu Lebenserwartungsverlusten durch Luftverschmutzung

Die Autor*innen führten ein vorab registriertes Experiment mit 2.031 Teilnehmenden aus ganz Indien durch, um die kausale Rolle der wahrgenommenen Handlungsfähigkeit bei der Entscheidung zu untersuchen, Informationen über den Verlust an Lebenserwartung durch Luftverschmutzung zu vermeiden oder zu vergessen. In der Behandlungsgruppe erhöhten sie die wahrgenommene Wirksamkeit individuellen Handelns, indem sie verschiedene einfache, aber effektive Massnahmen auflisteten, mit denen sich die Belastung durch Aussen- und Innenraumluftverschmutzung reduzieren lässt. Informationsvermeidung wurde anschliessend gemessen, indem die Teilnehmenden angeben konnten, ob sie Informationen über den Verlust an Lebenserwartung in ihrem Heimatdistrikt erhalten möchten. Nachdem die Teilnehmenden zwei Minuten lang eine nicht verwandte Anstrengungsaufgabe bearbeitet hatten, wurde die Informationsspeicherung gemessen, indem sie einen Anreiz erhielten, sich an die zuvor erhaltenen Informationen zu erinnern.

Im Experiment entschieden sich einige Personen, die Informationen gar nicht erst zu sehen, und viele von denen, die sie gesehen hatten, vergassen sie kurz darauf wieder. Als die Forschenden jedoch zeigten, dass einfache Massnahmen – etwa das Tragen von Masken, der Einsatz von Luftreinigern oder bessere Belüftung – zu einer höheren Lebenserwartung beitragen können, vergassen die Teilnehmenden die Informationen seltener. Dieser Effekt war besonders stark bei übermässig optimistischen Personen, die zunächst davon ausgingen, dass das Problem weniger schwerwiegend sei. Die Ergebnisse legen nahe, dass Menschen eher bereit sind, sich mit schwierigen Informationen auseinanderzusetzen, wenn sie glauben, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirken kann. Das hat wichtige Implikationen für die öffentliche Gesundheit und andere Themen wie den Klimawandel oder persönliche Finanzen. Allein Risiken zu kommunizieren reicht möglicherweise nicht aus – Menschen müssen auch das Gefühl haben, dass man etwas dagegen tun kann.

Die Autor*innen kommen zum Schluss, dass politische Entscheidungsträger bei der Kommunikation belastender, aber handlungsrelevanter Informationen schlechte Nachrichten mit konkreten Bewältigungsstrategien verbinden sollten. Dadurch kann die psychologische Barriere strategischer Ignoranz überwunden werden.

Literatur

Anca Balietti, Angelika Budjan, Tillmann Eymess, Alice Soldà. Strategic Ignorance and the Perceived Efficacy of Taking Action. 9. Februar 2026. Doi:https://doi.org/10.1093/ej/ueag022

Unterseiten