Wie Menschen für andere entscheiden
Neuer Artikel von Sandro Ambühl und B. Douglas Bernheim zum Thema Entscheidungsfindung, veröffentlicht in der "American Economic Review".
Es gibt viele Möglichkeiten, Entscheidungen für Gruppen von Leuten (bis hin zu ganzen Nationen) zu machen. Man kann zB jeder Person eine Stimme geben, und die Mehrheit wählen. Oder man kann mehrstufige Systeme verwenden, in welchen zuerst wenig beliebte Alternativen ausgesiebt werden, und danach über die verbleibenden Alternativen abgestimmt wird. Mathematisch lässt sich beweisen, dass es keine optimales System gibt, um solche Entscheidungen zu fällen (“Arrow’s Unmöglichkeitstheorem”). Jedes vorstellbare System hat substantielle Nachteile. Welche Systeme produzieren aber die Ergebnisse, welche Menschen am ehesten fair finden?
Die meisten in der Praxis angewandten Methoden (wie zum Beispiel jene bei politischen Wahlen in der Schweiz) berücksichtigen nur, welche Kandidaten Leute am meisten bevorzugen, aber nicht, welche Kandidaten sie am wenigsten möchten—man kann nur für Kandidaten stimmen, die man mag, aber nur sehr beschränkt gegen Kandidaten, die man nicht mag.
Die neue Studie von S. Ambuehl und B.D. Bernheim zeigt, dass das genau das Gegenteil davon ist, was Menschen fair finden. Über verschiedene Länder hinweg zeigt sich, dass Menschen es deutlich wichtiger finden, sicherzustellen, dass möglichst wenige Menschen mit einem sehr unbeliebten Resultat leben müssen, als dass möglichst viele ihr beliebtestes Resultat erhalten. In diesem Sinne haben sie eine starke Präferenz für Kompromisse, im Gegensatz zur Diktatur der Mehrheit, welche in verbreiteten Abstimmungsmechanismen verankert ist.
Abstimmungsmechanismen die zu Kompromisslösungen führen haben aber auch einen grossen Nachteil: sie sind deutlich leichter zu manipulieren. Wer auswählen muss, wie Entscheidungen für Gruppen oder Nationen gefällt werden sollen, muss sich also entscheiden, ob die Fairheit der Entscheidungen oder die Manipulierbarkeit des Abstimmungsmechanismus mehr Gewicht erhalten soll; beides aufs Mal kann man nicht haben. Die richtige Antwort wird von Fall zu Fall verschieden sein.
Sandro Ambühls Webseite