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Entscheidungen für andere zu treffen verringert unser Selbstvertrauen – selbst wenn wir genauso kompetent sind

Warum zögern wir, wenn wir Entscheidungen treffen, die andere betreffen? Eine neue Studie legt nahe, dass wir unserem eigenen Urteilsvermögen weniger vertrauen, sobald wir für andere Menschen verantwortlich sind.

Eine Entscheidung zu treffen, ist nicht immer leicht – noch weniger, wenn sie auch andere betrifft. Wenn wir mit dieser Verantwortung konfrontiert sind, zögern viele von uns, fühlen sich unwohl oder versuchen, die Entscheidung an jemand anderen abzugeben. Neue Forschungsergebnisse des Zurich Center for Neuroeconomics am Department of Economics der UZH legen nahe, dass diese «Verantwortungsaversion» mit einer subtilen Veränderung in unserer Fähigkeit zur Reflexion über den eigenen Entscheidungsprozess beginnt: Wir vertrauen unseren eigenen Urteilen weniger, sobald wir anderen gegenüber rechenschaftspflichtig sind.

Soziale Verantwortung ohne Risiko testen

Die meisten Studien zur sozialen Verantwortung befassen sich mit Entscheidungen in Bezug auf riskante Glücksspiele. Doch was, wenn die Veränderung im Verantwortungsverhalten auf einer grundlegenderen Wahrnehmungsebene ansetzt und ein breites Spektrum an Aufgaben beeinflusst, statt lediglich Risikopräferenzen zu verändern? Sherry Dongqi Bao, Micah G. Edelson und Todd A. Hare gingen dieser Frage nach, indem sie Verhaltensparadigmen heranzogen, die keinerlei Risiko beinhalteten.

In mehreren Experimenten mit rund 400 Freiwilligen sollten die Teilnehmenden lediglich entscheiden, welcher von zwei Kreisen mehr Punkte enthielt. Da die richtige Antwort objektiv feststand, konnten die Forschenden die tatsächliche Genauigkeit von der subjektiven Sicherheit der Teilnehmenden trennen.

Die soziale Verantwortung wurde über verschiedene Entscheidungsdurchgänge hinweg variiert. In manchen Durchgängen erhielten nur die Entscheidenden selbst Geld für richtige Antworten (Einzelversuche). In anderen bestimmten die Antworten die Auszahlung an die gesamte vierköpfige Gruppe, zu der die entscheidende Person gehörte (Gruppenversuche). Nach jeder Entscheidung gaben die Teilnehmenden an, wie sicher sie sich waren – mithilfe eines anreizkompatiblen Verfahrens, das „ehrliche“ Bewertungen der eigenen Sicherheit belohnte.

Geringere Sicherheit, gleiche Genauigkeit

Die Forschenden stellten fest, dass Verantwortung beeinflusst, wie sich Menschen bezüglich ihrer Entscheidungen fühlen – nicht jedoch, wie gut sie tatsächlich abschneiden. Die Teilnehmenden waren in Einzel- und Gruppenversuchen gleichermassen genau, berichteten jedoch durchweg geringere Sicherheit, wenn ihre Entscheidung die gesamte Gruppe betraf.

Dieser Unterschied in der eigenen Sicherheit verschwand nicht, als den Teilnehmern unbegrenzt Zeit zur Verfügung stand, um Beweise zu sammeln und zu entscheiden. Er blieb auch noch bestehen, als die Teilnehmenden die Rückmeldung erhielten, dass sie in beiden Fällen gleich gut entschieden.

Verzerrte Selbsteinschätzung

Die Verwendung von computergestützten Modellen, die die Leistung von der Selbsteinschätzung trennen, zeigen eine Veränderung bei der metakognitiven Verzerrung: Wenn Menschen für andere entscheiden, sind sie weniger selbstbewusst, als es in Anbetracht ihrer tatsächlichen Genauigkeit gerechtfertigt wäre.

Weitere Modellierungen deuteten auf eine Kombination aus erhöhter Vorsicht und verlangsamter Informationsverarbeitung bei Verantwortung hin. Mit anderen Worten: Soziale Verantwortung beeinflusst mehrere kognitive Prozesse gleichzeitig – sie löst nicht einfach „Panik“ aus.

Warum Verantwortung zu Delegation führt

In einer weiteren Aufgabe konnten die Teilnehmenden entweder selbst entscheiden oder an „Expertinnen“ und „Experten“ mit bekannter Genauigkeit (70 % oder 90 %) delegieren. Die Forschenden entwickelten ein normatives, auf Selbstvertrauen basierendes Modell, das vorhersagt, dass Delegation dann attraktiv wird, wenn das Vertrauen in die eigene Entscheidung unter das Vertrauen in die alternative Entscheidungsinstanz sinkt.

Genau das geschah: Der durch Verantwortung ausgelöste Verlust an Selbstvertrauen reichte aus, um zu erklären, warum häufiger delegiert wurde, wenn die Ergebnisse die Gruppe betrafen.

Die Höhe der Geldbeträge spielt keine Rolle

In einer nicht-sozialen Version der Aufgabe mit höheren Einsätzen zeigte sich: Höhere Geldbeträge machten die Teilnehmenden zwar langsamer, aber nicht weniger sicher. Dies spricht dafür, dass der Effekt von Verantwortung auf die Selbstsicherheit spezifisch mit dem sozialen Kontext zusammenhängt.

Weitere Belege für die Bedeutung sozialer Faktoren ergaben sich daraus, dass Personen einen größeren Rückgang ihrer Sicherheit zeigten, wenn sie sich stärker mit ihrer experimentell zugewiesenen Gruppe identifizierten.

Auswirkungen jenseits des Labors

Alltägliche Verantwortung – etwa bei der Wahl eines Behandlungsplans, der Bewilligung eines Kredits oder politischen Entscheidungen unter unsicheren Bedingungen – ist häufig mit dem Druck verbunden, Fehler zu vermeiden. Die Studie legt nahe, dass ein Teil dieses Drucks in der Art und Weise begründet liegt, wie wir funktionieren: Verantwortung kann dazu führen, dass man sich selbst unterschätzt, selbst wenn unsere objektive Kompetenz unverändert bleibt.

Die Gestaltung von Rahmenbedingungen für Entscheidungen, die ein angemessenes Mass an Selbstvertrauen fördern – etwa durch geteilte Verantwortung – sowie weniger Schuldzuweisungen im Nachhinein durch schriftliche Begründungen und Vorab-Analysen könnten Menschen dabei helfen, Verantwortung dann wirksam zu übernehmen, wenn es besonders darauf ankommt.

In Situationen der Zusammenarbeit von Mensch und KI beispielsweise sollten solche Systeme Ungewissheiten und Entscheidungsgründe transparent kommunizieren, damit Delegation bewusst und angemessen erfolgt – und nicht automatisch.

Sherry Dongqi Bao et al. "Deciding for others alters metacognition leading to responsibility aversion". Sci. Adv.12, eady0441(2026). DOI:10.1126/sciadv.ady0441

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