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Aus der Sicht von Gefangenen: Wie Inhaftierung die politischen Präferenzen beeinflusst

Eine aktuelle Studie liefert neuartige Belege dafür, dass reale Erlebnisse einen direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung haben können.

Stellen Sie sich vor, Sie wären für 48 Stunden inhaftiert. Wie würde sich das anfühlen? Könnte diese Erfahrung Ihre Perspektive auf das Leben im Gefängnis ändern und vielleicht sogar Ihre Meinung zur Strafjustiz? Um diese Fragen zu untersuchen, führten Forschende der Universität Zürich (UZH) und des KOF Instituts an der ETH Zürich ein einzigartiges randomisiertes Experiment durch, bei dem Freiwillige eingeladen wurden, bis zu zwei Tage in Haft zu verbringen und dabei unter denselben Bedingungen wie echte Häftlinge zu leben. Diese aktuelle Studie liefert neuartige Belege dafür, dass reale Erlebnisse einen direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung haben können.

Ein einzigartiges Feldexperiment

Kurz vor der offiziellen Eröffnung eines neuen Gefängnisses in Zürich (Schweiz) im Jahr 2022 organisierte das Departement für Justiz und Inneres des Kantons Zürich einen Testlauf, um Betriebs- und Sicherheitsabläufe unter simulierten Realbedingungen zu prüfen. Ein Forscherteam, bestehend aus Michel Maréchal (UZH) sowie Arto Arman, Andreas Beerli und Aljosha Henkel (KOF Institut, ETH Zürich), nutzte dieses einmalige Setting, um eine randomisierte kontrollierte Studie durchzuführen, in der untersucht wurde, wie die Erfahrung von Inhaftierung die Präferenzen in der Strafrechtspolitik beeinflusst.

Nach einem Aufruf zur Teilnahme wurden Freiwillige ausgewählt und nach dem Zufallsprinzip entweder der Versuchsgruppe (126 Teilnehmende) zugewiesen, die die Möglichkeit erhielt, am Gefängnistest teilzunehmen, oder der Kontrollgruppe (309 Teilnehmende), die nicht am Testlauf teilnahm. Die freiwilligen Insassen verbrachten bis zu 48 Stunden innerhalb der Einrichtung und erlebten dabei nahezu identisch, was ein echter Häftling erlebt, von der Aufnahme bis zur Entlassung, einschließlich Leibesvisitationen, die Beschlagnahme persönlicher Gegenstände und einem streng geregelten Tagesablauf.

Die Evaluation der Studie bestand aus Befragungen der Teilnehmenden, die sowohl vor als auch nach dem Testlauf durchgeführt wurden. Ziel war es, die Einstellungen der Teilnehmenden zu Strafmassnahmen und ihre Überzeugungen hinsichtlich des Wohlbefindens von Gefangenen zu messen, wobei sowohl Fragebögen als auch verhaltensbezogene Massnahmen mit realen finanziellen Konsequenzen zum Einsatz kamen.

Die Erfahrung des Gefängnislebens fördert Unterstützung für mildere Strafrechtspolitik

Die Ergebnisse der Studie liefern neue Erkenntnisse darüber, wie die öffentliche Meinung geformt wird. Tatsächlich zeigten Teilnehmende des Testlaufs deutlich weniger Unterstützung für Strafmassnahmen, und diese Veränderung spiegelte sich auch in höheren Spenden an Organisationen wider, die eine gemässigtere statt eine härtere Strafrechtspolitik befürworten.

Zudem zeigte die Studie, dass die Öffentlichkeit das Wohlbefinden der Häftlinge stark überschätzt. Interessanterweise veränderte der Testlauf weder die Überzeugungen über das Wohlbefinden von Häftlingen noch die Wahrnehmung von Verfahrensgerechtigkeit oder das Vertrauen in das Justizsystem. Allerdings führte er zu einer geringeren Bereitschaft zu Bestrafung. Dies deutet darauf hin, dass die Hinwendung zu weniger harten Strafen eher durch persönliche Erfahrung als durch veränderte Überzeugungen ausgelöst wird.

Der Einfluss persönlicher Erfahrungen auf Überzeugungen, Präferenzen und öffentliche Politik

Das Feldexperiment wurde in einem einzigartigen Kontext durchgeführt, wodurch die Forschenden die Auswirkungen persönlicher Erlebnisse auf Überzeugungen und Präferenzen untersuchen konnten. Während ein Grossteil der bestehenden Literatur auf Beobachtungsdaten oder Laboreinstellungen zurückgreift, trägt die vorliegende Studie zur wachsenden Literatur in Wirtschaftswissenschaften und Psychologie bei, die die Bedeutung gelebter Erfahrung betont. Die Befunde liefern kausale Belege dafür, dass reale Erlebnisse die öffentliche Meinung formen können.

Obwohl gross angelegte Simulationen von Haftstrafen keine praktikablen politischen Instrumente sind, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass erfahrungsbasierte Bildungsinstrumente, etwa geführte Gefängnisbesuche oder virtuelle Simulationen, dazu beitragen könnten, die Perspektive wichtiger Akteure im Justizsystem, wie Richter:innen, Anwält:innen und Politiker:innen, zu erweitern.

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