Wie Handelsliberalisierung Nepotismus und politische Begünstigung schwächt
Kann globaler Handel Korruption eindämmen? Eine neue Studie zeigt, dass die Liberalisierung des Handels in Indien in den 1990er-Jahren aufzeigt, wie der internationale Handel die Fehlallokation von Ressourcen durch politisch verbundene Unternehmen beeinflusst.
In vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen machen es schwache Institutionen Politikern möglich, den Zugang von Unternehmen zu Genehmigungen, Ressourcen und Dienstleistungen zu beeinflussen und dabei Firmen zu bevorzugen, zu denen sie Verbindungen haben. Wenn politisch verbundene Unternehmen eine bevorzugte Behandlung erhalten, werden Ressourcen nicht unbedingt den produktivsten Unternehmen zugewiesen, was zu Korruption und Fehlinvestitionen führt und die gesamtwirtschaftliche Leistung schwächt. Sobald diese Länder stärker in die globalen Märkte integriert werden, stellt sich die wichtige Frage: Verstärkt der internationale Handel diese Verzerrungen im Heimatmarkt oder trägt er zu ihrer Verringerung bei?
Um diese Frage zu beantworten, untersuchen Roza Khoban, Senior Researcher am Department of Economics, und ihre Koautorin die Folgen der Handelsliberalisierung Indiens in den 1990er Jahren.
Untersuchung der Handelsliberalisierung in Indien
Die Forscherinnen analysieren empirisch, wie internationaler Handel die verzerrenden Effekte politischer Verbindungen im Kontext Indiens beeinflusst – ein Land mit niedriger bis mittlerer Einkommensklasse, in dem politische Begünstigung eine bedeutende Rolle beim Zugang von Unternehmen zu Ressourcen spielt. Entscheidend ist, dass die umfassende Handelsliberalisierung Indiens in den 1990er Jahren als natürliches Experiment dient, um diese Beziehung zu untersuchen.
Indiens Handelsreform erfolgte schnell, wurde von außen aufgezwungen und kam weitgehend unerwartet. Die Zölle auf importierte Güter fielen stark – durchschnittlich von etwa 80 % im Jahr 1990 auf 40 % im Jahr 1996 – und erzeugten erhebliche Unterschiede in der Handelsabhängigkeit zwischen den Branchen. Kombiniert mit umfangreichen Daten zur Unternehmenslage und detaillierten Wahlinformationen bietet dieses Setting eine seltene Gelegenheit, zu erforschen, wie globale Märkte mit heimischen politischen Institutionen interagieren.
Wie politische Verbindungen Unternehmensresultate bestimmen
In einem ersten Schritt kartiert die Studie die Verbindungen von Unternehmen zu Politikerinnen auf Ebene der einzelnen Bundesstaaten (Mitglieder der Legislativversammlung) mittels einer auf Nachnamen basierenden Messung sozialer Nähe. Unter Berücksichtigung der politischen Veränderungen nach Wahlen schätzen die Autorinnen anschließend, wie diese Verbindungen die Ergebnisse von Unternehmen beeinflussen. Indem sie die Veränderungen der Ergebnisse für Unternehmen, die mit dem siegreichen Politiker verbunden sind, mit solchen, die dies nicht sind, vor und nach den Wahlen vergleichen, ermitteln sie den Gesamteffekt politischer Verbindungen. Diese Herangehensweise erfasst die verzerrenden Auswirkungen politischer Verbindungen, einschließlich solcher Kanäle, die nur schwer direkt zu beobachten sind, wie Korruption und Nepotismus.
Die Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen, die mit den siegreichen Politiker:innen verbunden sind, einen 10–20-prozentigen Anstieg von Umsatz und Ausgaben verzeichnen. Diese Gewinne resultieren aus einem höheren Einsatz von Ressourcen (Kapital, Arbeit und Rohstoffen) und nicht aus einer gesteigerten Produktivität, was darauf hindeutet, dass Politiker tatsächlich die Verteilung von Ressourcen durch Begünstigung verbundener Unternehmen verzerren.
Handelsliberalisierung und Zollsenkungen: Eine Alternative zum Nepotismus
Die Arbeit stellt dann die zentrale Frage: Wie wirkt sich eine erhöhte Handelsexposition auf diese politisch getriebene Fehlallokation aus? Um dies zu beurteilen, kombinieren die Autorinnen die Unterschiede des politischen Verbindungsstatus von Unternehmen mit Unterschieden bei den Zollsenkungen in den verschiedenen Branchen während der Handelsliberalisierung Indiens in den 1990er Jahren.
Die Analyse zeigt, dass Zollsenkungen den Vorteil, den politisch verbundene Unternehmen genossen, erheblich geschmälert haben. Wichtig ist, dass dieser Effekt fast ausschließlich auf die Senkung der Zölle auf Importgüter zurückzuführen ist, wodurch Unternehmen besseren Zugang zu ausländischen Produktionsmitteln erhalten. Insbesondere führte die Senkung der Einfuhrzölle während der indischen Handelsliberalisierung dazu, dass politisch verbundene Unternehmen im Vergleich zu nicht verbundenen Unternehmen um etwa 15 % schrumpften. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Handelsreform den Wert politischer Verbindungen verringerte, indem sie den Unterschied zwischen Unternehmen mit und ohne politische Bindungen reduzierte.
Zusammengefasst deuten die Befunde darauf hin, dass ein besserer Zugang zu importierten Vorleistungsgütern politische Begünstigung ersetzen und damit die Verzerrungen, die durch politische Verbindungen entstehen, unmittelbar verringern kann.
Um diesen Mechanismus weiter zu beleuchten, untersuchen die Autorinnen die Handelsmuster der Unternehmen und zeigen, dass bei hohen Zöllen lokale Politiker mehr Spielraum haben, zugunsten verbundener Unternehmen einzugreifen – zum Beispiel indem sie knappe Ressourcen zu ihnen lenken. Ein besserer Zugang zu importierten Gütern bietet somit eine Alternative zu politischen Verbindungen und verringert die Abhängigkeit der Unternehmen von Politiker*innen.
Reduziert oder verstärkt Handelsöffnung den Schaden durch politische Begünstigung?
Anhand der Untersuchung der indischen Handelsliberalisierung in den 1990er Jahren liefert das Papier erste empirische Belege dafür, wie sich Zölle direkt auf die Abhängigkeit von Unternehmen von politischen Verbindungen auswirken. Insbesondere verringert ein besserer Zugang zu Vorleistungen durch niedrigere Zölle auf Importgüter die verzerrenden Effekte politischer Verbindungen. Die Ergebnisse deuten auf einen neuen Spielraum für Gewinne aus dem Handel im Kontext politischer Verzerrungen hin, indem sie einen direkten Effekt von Zollsenkungen auf die Auswirkungen solcher Verzerrungen zeigen. Dies bedeutet letztlich, dass Handelspolitik eine verbreitete Ursache für Produktivitätsverluste bekämpfen kann.
Fragen und Antworten
Warum war Indien für die Untersuchung besonders interessant?
In vielen Teilen der Welt nutzen Politiker ihre Macht, um Unternehmen zu begünstigen, mit denen sie verbunden sind, was Fehlallokation und eine geringere gesamtwirtschaftliche Produktivität zur Folge hat. Wir konzentrieren uns auf Indien, weil es ein Beispiel für ein Land ist, in dem Unternehmen mit erheblichen Beschränkungen konfrontiert sind und frühere Studien gezeigt haben, dass sowohl soziale als auch politische Verbindungen den Zugang zu Ressourcen und Dienstleistungen stark beeinflussen können. Darüber hinaus bietet die rasche und unerwartete Handelsliberalisierung Indiens ein ideales Umfeld, um zu prüfen, wie die Integration in den Weltmarkt den Wert politischer Verbindungen verändert.
Könnte die Schwächung politischer Begünstigung durch Handelsliberalisierung zu Widerstand gegen die Globalisierung führen?
Während unsere Ergebnisse zeigen, dass Handelspolitik eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung einer häufigen Ursache von Produktivitätsverlusten spielen kann, verdeutlichen sie zugleich, dass Politiker und Unternehmen, die von Nepotismus profitieren, ein Interesse daran haben könnten, die Globalisierung abzulehnen. Diese Dynamik verdient künftig besondere Aufmerksamkeit.
An welchen Themen arbeiten Sie derzeit?
Meine laufende Forschung untersucht weiterhin die Schnittstelle von internationalem Handel, Entwicklung und politischer Ökonomie, wobei der Schwerpunkt darauf liegt, wie die Globalisierung politische und institutionelle Machtverhältnisse neugestaltet. Nachdem wir gezeigt haben, dass internationaler Handel die Abhängigkeit von Unternehmen von Politiker*innen reduziert und damit eine wichtige Quelle politischer Macht schwächt, frage ich mich, wie sich die Verteilung von Macht insgesamt verändert. Insbesondere untersuche ich, wie sich die Globalisierung auf die Machtverhältnisse zwischen Unternehmen, Staat und Institutionen auswirkt.