Die Messung von Ungleichheit und die Grenzen gängiger Methoden
Ingvild Almås hielt kürzlich ihre Antrittsvorlesung, bei der sie einen Überblick über ihre bisherige und aktuelle Forschung gab.
Ingvild Almås, Larsson-Rosenquist Foundation Professor of Economics of Child and Youth Development with a focus on breastfeeding, hat ihre Karriere der Frage gewidmet, ob Zahlen tatsächlich die Realität widerspiegeln. In ihrer Antrittsvorlesung gab sie einen Überblick über ihre bisherige und aktuelle Forschung und erläuterte, wie sie dieses Thema im Verlauf ihrer akademischen Laufbahn behandelt hat.
Der Preis des Vergleichs
Im Zentrum der Messung globaler Ungleichheit steht ein scheinbar einfaches Problem: Wie sollen Einkommen zwischen Ländern mit unterschiedlichen Preisniveaus verglichen werden? Das gängige ökonomische Instrument ist die Kaufkraftparität, doch Almås hinterfragt seit Langem deren Konstruktion. Anstatt sich ausschliesslich auf statistische Aggregate zu stützen, plädiert sie für einen ökonomischen Ansatz, der auf tatsächlichem Konsumverhalten basiert.
Ihre Doktorarbeit stützte sich auf sogenannte Engel-Kurven, einen ökonomischen Indikator, der den Zusammenhang zwischen Haushaltseinkommen und Ausgaben – insbesondere für Lebensmittel – untersucht und zeigt, dass Haushalte mit geringem Einkommen einen überproportional hohen Anteil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben. Almås gelangte zu einem neuartigen und bemerkenswerten Forschungsergebnis: Je ärmer ein Land ist, desto stärker wird sein reales Einkommen durch bestehende Methoden tendenziell überschätzt. Für die ärmsten Länder schnitt die auf Wechselkursen basierende Methode oft besser ab als vermeintlich ausgefeilte Anpassungen.
Diese Erkenntnis stellte das Fachgebiet infrage und verschaffte ihr schliesslich einen Platz als Beraterin im International Comparison Programme der Weltbank – jener Institution, deren Methoden sie zu Beginn ihrer Karriere vorsichtig kritisiert hatte.
Ungleichheit im Haushalt
Selbst wenn nationale Einkommenszahlen perfekt kalibriert wären, bliebe ein tieferliegendes Problem bestehen: Wer innerhalb eines Haushalts kontrolliert die Ressourcen? Standardökonomische Daten behandeln Haushalte als eine Einheit – und überschätzen dadurch Ungleichheit, wenn Einkommensaufteilung ignoriert wird, oder unterschätzen sie, wenn gleiche Verteilung angenommen wird, obwohl sie nicht existiert.
Almås hat Methoden entwickelt, um die innerhäusliche Ressourcenverteilung in verschiedenen Ländern – von Bangladesch bis Dänemark – zu schätzen, und die Ergebnisse unterscheiden sich drastisch. In Dänemark scheinen Frauen gleiche oder grössere Anteile zu kontrollieren; in Japan und Bangladesch halten Männer tendenziell mehr. In Ländern wie Bangladesch zeigt sich, dass eine korrekte Berücksichtigung innerhäuslicher Ungleichheit die weibliche Armut deutlich höher ausfallen lässt, als die offiziellen Zahlen vermuten lassen.
Ein Umdenken beim «Mütter-zuerst»-Konsens
In der Entwicklungspolitik gilt seit Langem die Annahme, dass Geldtransfers an Mütter zu besseren Ergebnissen für Kinder führen. Die Feldexperimente der Forscherin in Tansania zeichnen jedoch ein komplexeres Bild. In ihrer laufenden randomisierten kontrollierten Studie wurden Paare ins Labor eingeladen und gebeten, Ressourcen zwischen sich selbst, ihrem Ehepartner und ihrem kleinen Kind aufzuteilen.
Mütter in der Kontrollgruppe gaben zwar etwas mehr an die Kinder, doch der Unterschied war gering und verschwand vollständig in der Behandlungsgruppe. Noch aufschlussreicher: Väter, die Geldtransfers in Kombination mit einem Elterninformationsprogramm erhielten, erhöhten ihre Zuwendungen an die Kinder deutlich.
Die Implikation ist bedeutsam: Wenn Väter die primären Entscheidungsträger im Haushalt sind und stärker auf Informationen und Ressourcen reagieren, könnte eine Politik, die ausschliesslich Mütter adressiert, an der entscheidenden Stellschraube vorbeigehen.
Was Menschen tatsächlich als fair empfinden
Abschliessend stellte Almås ihr jüngstes Forschungsgebiet vor: Gängige Ungleichheitsmasse setzen implizit voraus, dass jede Abweichung von perfekter Gleichheit ein Problem darstellt – doch entspricht das den Überzeugungen der Menschen?
In einer umfassenden Studie über 60 Länder mit repräsentativen Stichproben, die 80 % der Weltbevölkerung abdecken, baten sie und ihre Mitforschenden Beobachterinnen und Beobachter, Einkommen zwischen Arbeitenden in Szenarien zu verteilen, in denen Ungleichheit durch Glück, Produktivität oder Umverteilungskosten entstand.
Die Ergebnisse zeigen: Die meisten Menschen akzeptieren mehr Ungleichheit, wenn sie echte Unterschiede in Anstrengung oder Produktivität widerspiegelt. Der meritokratische Instinkt ist stark – in westlichen Ländern jedoch deutlich stärker als anderswo. Effizienzüberlegungen spielen für die breite Bevölkerung hingegen eine weit geringere Rolle, als Ökonominnen und Ökonomen lange angenommen haben.
Vielleicht am provokantesten: Ein grosser Anteil der Befragten in allen 60 Ländern stimmte der Aussage zu, dass Reiche deshalb reicher sind, weil sie egoistischer gehandelt haben – ein Glaube, der unter ärmeren und weniger gebildeten Befragten stärker ausgeprägt ist und mit Skepsis gegenüber sozialer Mobilität korreliert.