«Die UZH sollte die Dynamik für sich nutzen»
Der Universitätsrat hat den Ökonomen Ralph Ossa zum Nachfolger von Christian Schwarzenegger als Prorektor Professuren und wissenschaftliche Information gewählt. Ossa wird sein Amt am 1. August 2026 antreten.
Im Interview mit UZH News spricht Ralph Ossa über seine Motivation und die Chancen, die er in der aktuellen Situation sieht.
Ralph Ossa, was war Ihre Motivation, sich für die Universitätsleitung zur Verfügung zu stellen?
Ralph Ossa: Ich habe nach vier Jahren als Institutsdirektor und zweieinhalb Jahren als WTO-Chefökonom festgestellt, dass ich sehr gerne mit Menschen arbeite und Verantwortung übernehme. Dies ist ein wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit und ich möchte ihn auch in meiner Tätigkeit an der UZH einbringen können. Eine Rückkehr in eine reine Forschungs- und Lehrtätigkeit ohne Verantwortung in einer Leitungsfunktion zu übernehmen, kann ich mir nach meiner Zeit bei von der WTO kaum noch vorstellen.
Sie sprechen Ihre Erfahrung bei der WTO an. Was können Sie davon für die Universitätsleitung mitnehmen?
Die WTO versteht sich sehr stark als eine Organisation, die von ihren Mitgliedern getrieben wird. Da sehe ich eine Parallele zur universitären Selbstverwaltung. In der WTO hatte ich es täglich mit Diplomaten aus 166 Ländern zu tun, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In dieser Rolle ist es wichtig, gut mit Menschen umgehen und Brücken bauen zu können, auch wenn das manchmal kompliziert ist.
Was bedeutet erfolgreiche Führung für Sie?
Führen heisst für mich nicht, top-down irgendetwas zu bestimmen, sondern dafür zu sorgen, dass wir gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. Dazu gehört vor allem zuhören, moderieren und neue Kommunikationskanäle öffnen. Sowohl als Institutsdirektor, vor allem aber auch als WTO-Chefökonom, habe ich unter Beweis gestellt, dass das funktioniert und dass ich in komplexen Organisationen erfolgreich führen kann.
Zudem: Mein wissenschaftlicher Leistungsausweis verleiht mir unter meinen Kolleginnen und Kollegen eine gewisse Glaubwürdigkeit. Dies ist in Wissensorganisationen wie der Universität ein wichtiger Faktor.
Sie haben sich in Ihrer Forschung und insbesondere in der WTO stark mit politischen Fragen beschäftigt. Inwiefern sind diese für ihr Amt als Prorektor relevant?
Mich beschäftigt aktuell die Situation in den USA. Sie zeugt von einer erheblichen Kluft zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Die UZH muss ihre Verankerung in der Schweizer Gesellschaft bewahren und das Vertrauen in die Wissenschaft aktiv stärken, um dem entgegenzuwirken.
Sie werden die Nachfolge von Christian Schwarzenegger als Prorektor Professuren und wissenschaftliche Information antreten. Wo sehen Sie Herausforderungen in diesem Bereich?
Ich sehe in der aktuellen Situation in erster Linie eine historische Chance, der UZH mit einer ambitionierten Professurenpolitik zu noch mehr wissenschaftlicher Exzellenz und internationaler Sichtbarkeit zu verhelfen. Mit ihrer professionellen Governance, ihrer soliden Finanzierung und ihrer attraktiven Lage bringt die UZH ideale Voraussetzungen mit, um diese Dynamik für sich zu nutzen.
Heisst das, Sie werden sich dafür einsetzen, dass die UZH aktiv versucht, Wissenschaftlerinnen aus den USA abzuwerben?
Wissenschaft findet in einer globalen Community statt, und entsprechend schreiben wir Professuren international aus. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass die UZH ein Umfeld bietet, das für herausragende Forschende attraktiv ist – ganz unabhängig davon, wo sie heute tätig sind. Die aktuellen Entwicklungen in den USA führen allerdings dazu, dass sich manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neu orientieren. In solchen Situationen möchten wir selbstverständlich, dass die UZH als eine überzeugende Option wahrgenommen wird.
Zur Person
Ralph Ossa erlangte seinen Doktortitel an der London School of Economics und war vor der UZH an den Universitäten von Princeton und Chicago tätig. 2017 wurde er zum Ordentlichen Professor für Internationalen Handel an die UZH berufen. In seiner Forschung legt er einen besonderen Schwerpunkt auf politisch relevanten Fragestellungen wie etwa auf die Ökonomie von Handelskriegen und Handelsverhandlungen oder auf die Frage, wie stark Länder vom internationalen Handel profitieren. 2018 erhielt er vom European Research Council einen ERC Consolidator Grant für sine Forschung zu Handelsabkommen. Er war von 2019 bis 2022 Direktor des Department of Economics an der UZH und wurde 2023 Chefökonom der Welthandelsorganisation WTO. Im Sommer kehrte er als UBS Foundation Professor of Economics an die UZH zurück.
Ab 1. August 2026 wird er in der Universitätsleitung Christian Schwarzenegger als Prorektor Professuren und wissenschaftliche Information ablösen.
Stichwort attraktive Arbeitgeberin: Sie werden nicht nur für die Professuren, sondern auch gesamthaft für das Personal zuständig sein. Wo sehen Sie hier für die UZH relevante Entwicklungen?
Mir ist wichtig, dass sich alle Mitarbeitenden als wesentlichen Teil der UZH erleben. Die Universität kann nur als Gemeinschaft erfolgreich sein, und gegenseitige Wertschätzung ist die Grundlage dafür.
Eine zentrale Entwicklung im Personalbereich ist die Digitalisierung: Vieles wurde bereits vorbereitet, aber die Umsetzung verändert Prozesse und Rollen nun spürbar. Entscheidend wird sein, diese Veränderung so zu gestalten, dass sie den Arbeitsalltag erleichtert und die Attraktivität der UZH als Arbeitgeberin weiter stärkt.
Wissenschaftliche Information ist in zunehmendem Masse datengetrieben. Welche Herausforderungen stellen sich hier für die Universität?
Wissen zu bewahren und zugänglich zu machen, bleibt die zentrale Aufgabe. Die Herausforderung liegt darin, dass Forschungsdaten in vielen technischen Varianten auftreten und ihre Verwaltung, Sicherung und Verzeichnung deutlich komplexer wird. Gleichzeitig muss der Zugang weiterhin einfach und frei bleiben. Diesen klassischen Auftrag unter digitalen Bedingungen zu erfüllen, ist die Kernaufgabe für die Universität.
Berg oder Strand?
Wann sind Sie am kreativsten?
Unter Druck.
Was tun Sie, um den Kopf auszulüften und auf neue Gedanken zu kommen?
Spazieren gehen.
Mit welcher bekannten Persönlichkeit möchten Sie gerne abendessen? Weshalb?
Ich bin abends am liebsten zu Hause bei meiner Familie.
Welche drei Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Drei leere Notizblöcke, in die ich selbst schreiben könnte.
Kugelschreiber oder Laptop?
Laptop – ich bin mittlerweile 100% digital.
Berg oder Strand?
Auf jeden Fall Berg. Ich habe mich schon als Kind auf dem Weg in den Italienurlaub gefragt, warum wir nicht in der Schweiz bleiben.
Interview von Theo von Däniken. Zum Originalbeitrag