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Der Wirtschaftsstudent, der SNB-Präsident wurde

Martin Schlegel, Präsident des Direktoriums der Swiss National Bank (SNB), sprach kürzlich im Rahmen des «9. ECONnect Events».

Martin Schlegel, einst Volkswirtschaftsstudent an der Universität Zürich, kehrte zwei Jahrzehnte später als Präsident des Direktoriums der Swiss National Bank (SNB) in die Aula der UZH zurück. Der Alumnus sprach im Rahmen des «9. ECONnect Events» über die Rolle der Zentralbank, die aktuelle Wirtschaftslage der Schweiz und ihre Aussichten, sowie darüber, wie geldpolitische Entscheidungen getroffen werden.

Der seit 2024 amtierende Direktoriumspräsident der SNB, Martin Schlegel, stellte zunächst die Kernaufgaben und Ziele der Schweizerischen Nationalbank vor. Zu den zentralen Pflichten der SNB zählen die Unabhängigkeit von Politik und Wirtschaft, die Gewährleistung von Preisstabilität und das Handeln im gesamtstaatlichen Interesse. «Durch diese Unabhängigkeit erfüllen wir unseren Auftrag im Sinne des Gesamtinteresses des Landes und damit das Interesse von uns allen am besten», betonte er mehrfach.

Die Entscheidungen der SNB wirken sich grundlegend auf das gesamte Land aus. Jeder öffentlichen Mitteilung kommt daher grosse Bedeutung zu, so etwa den jährlichen Ergebnissen, welche die finanzielle Lage der SNB aufzeigen und Hinweise auf die geldpolitische Ausrichtung sowie die Wirtschaftsentwicklung liefern.

Aktuelle Wirtschaftslage in der Schweiz und deren Aussichten

In einem weiteren Schritt widmete sich Schlegel der aktuellen Schweizer Wirtschaftslage. Diese spiegelt die internationalen Entwicklungen wider: steigende Zölle, zunehmende Unsicherheit bei Unternehmen und eine schwächere Nachfrage prägen das Gesamtbild. Trotz dieser Dämpfung bleibt die Schweizer Wirtschaft insgesamt robust. 

Besonders auffällig sind jedoch die zwischen den einzelnen Sektoren stark divergie-renden Trends: «Eine Schere öffnet sich», so Schlegel. Während die Dienstleistungs-branche stabil bleibt, sieht die Situation in der Industrie schwieriger aus – abgesehen von der Pharma- und Chemieindustrie. Das Wachstum in der Industrie war in den letz-ten drei Jahren schwach bis negativ. Mit Blick auf diese Branche ergänzte Schlegel: «Ich habe den grössten Respekt für Firmen, die auf dem internationalen Markt tätig sind». 

Insgesamt erwarten die Analysten der SNB ein moderates, aber solides Wachstum der Schweizer Wirtschaft und eine weiter sinkende Inflationsrate. Wie kommen Öko-nom:innen überhaupt zu dieser Schlussfolgerung? Das erklärte der SNB-Präsident anschliessend in seinem Vortrag. 

Zahlen und Menschen am «Puls der Wirtschaft»

Auf Grundlage welcher Indikatoren und Informationen werden die Ergebnisse berechnet und letztlich geldpolitische Entscheidungen getroffen? Schlegel gewährte dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen der Analysen der SNB.

Historische Indikatoren, wie etwa die Inflationsrate oder das Wirtschaftswachstum (BIP), werden durch weitere Indikatoren, wie z. B. Gespräche mit den Unternehmern ergänzt. «Besonders in der heutigen Zeit ist es entscheidend, diese Gespräche zu führen. Sie sind eine sehr wichtige Quelle und sie lassen den Puls der Wirtschaft erkennen.» Auch neue Datenarten, die maschinelles Lernen und grosse Sprachmodelle unterstützen, wie zum Beispiel der neue NEOS-Indikator (News-based Economic Outlook for Switzerland), der die Wirtschaftsstimmung in der Schweiz in Echtzeit misst, haben ihren Platz im breiten Portfolio der SNB gefunden.

Die Datenauswertung und deren kritische Hinterfragung erledigen rund 70 Ökonom:innen, die das Direktorium bei der Entscheidungsfindung unterstützen – wobei der Präsident des Direktoriums für die getroffenen Entscheidungen verantwortlich ist.

Humankompetenzen sind entscheidend

Schon damals, als Übungsleiter des Mikroökonomie-Kurses bei Ernst Fehr, Professor für Wirtschaftswissenschaften, zeigte Schlegel Kompetenzen, die sich für seine heutige Rolle als wegweisend erweisen sollten. In der Einführung des Vortrags erinnerte sich Fehr an einen Studenten, der breites Fachwissen und analytische Präzision mit wichtigen Soft Skills verband, darunter ein klarer Kommunikationsstil, Eigenständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. «All diese Eigenschaften sind zentral für die Führung einer Zentralbank», so Fehr in seinen Erinnerungen. «Bei Orientierung und Verlässlichkeit geht es nicht nur um Institutionen, Regeln oder Zahlen, sondern ganz entscheidend auch um Menschen, die Verantwortung übernehmen, fachlich exzellent sind und zugleich komplexe Zusammenhänge verständlich vermitteln können», so Fehr.

In der Q&A-Runde fragte Ralph Ossa, UBS-Stiftungsprofessor für Wirtschaftswissenschaften, den SNB-Präsidenten, welche grundlegenden Eigenschaften Volkswirtschaftsstudierende für den Arbeitsmarkt mitbringen sollten. Gesucht seien Personen, die analytisch denken und sich klar ausdrücken können, neugierig sind, Lernbereitschaft mitbringen und sich kontinuierlich weiterentwickeln möchten. «Und vielleicht sitzt hier die nächste Präsidentin oder der nächste Präsident der SNB?», fragte Schlegel in die Runde der zahlreich anwesenden Studierenden. Als er einst als Student in der Aula der UZH sass, habe er diesen Karriereweg – vom Studenten zum Präsidenten der SNB – nicht geahnt

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