Politisch nicht sehr korrekt

Der Starökonom aus Zürich über den Vormarsch der Verhaltensökonomie, die wirtschaftlichen Folgen von Unehrlichkeit - und seine Forschung mit Kindern und Hirnscannern.

Erschienen in der WirtschaftsWoche print: NR. 045, am 27.10.2017 Seite 066 / Der Volkswirt.  © Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Inteview: Bert Losse

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Herr Fehr, ein Wirtschaftsmagazin hat Sie "Professor Gutmensch" getauft, andere Blätter nennen Sie "Totengräber des Homo oeconomicus". Was gefällt Ihnen besser?

Ich mag beides nicht. Der Begriff Gutmensch steht typischerweise für Leute, die auf naive Weise die Welt verbessern wollen. Diese illusorische Weltsicht habe ich nicht. Ich versuche, auf solider empirischer Grundlage zu arbeiten - auf der Suche nach Erkenntnissen, die die Gesellschaft ein kleines Stück weiterbringen. Und was den Homo oeconomicus betrifft: In der Tat zeigen - auch meine - Studien, dass sich die Menschen nicht immer rational und eigennützig verhalten, wie früher gern unterstellt wurde. Man darf daraus aber nicht den Umkehrschluss ziehen, dass rationales und egoistisches Verhalten keine Rolle spielt.
 

Sie haben jüngst in einer provokanten Rede die Ökonomie als Wissenschaft von der Charakterbildung bezeichnet. Hat Charakter für Sie eine wirtschaftliche Dimension?

Absolut. Es gibt etwa eine Korrelation der durchschnittlichen Geduld der Menschen in Regionen und Staaten und deren Volkseinkommen pro Kopf. Geduldige Menschen sparen mehr und investieren mehr in Human- und Sachkapital. Ein zentraler Wirtschaftsfaktor ist zudem Vertrauenswürdigkeit. Vertrauen - etwa in Geschäftspartner und Institutionen - führt volkswirtschaftlich zu geringerer Regelungsdichte und höherer Flexibilität. Wo Unehrlichkeit verbreitet ist, kommen viele wechselseitig vorteilhafte Tauschakte mangels Vertrauen nicht zustande, die Vertragsgestaltung wird aufwendig und teuer. Wichtig ist auch, was Ökonomen positive Reziprozität nennen: Wenn ein Chef seine Mitarbeiter fair behandelt, reagieren die mit höherer Produktivität. Überwiegt dieses Verhaltens- und Vertrauensmuster in einer Volkswirtschaft, wächst sie stärker als andere.

 

Charaktereigenschaften können Sie aber weder aggregieren noch messen

In gewisser Weise schon. Kollegen der Uni Zürich haben ein Feldexperiment in 50 Ländern gemacht und ein angeblich gefundenes Portemonnaie mit Geld, einer Telefonnummer und einer Mail-Adresse bei Läden, Ämtern und Hotels abgegeben.  Danach haben sie geschaut, wer sich meldet und wer nicht. Es gab riesige Unterschiede bei der Ehrlichkeit und eine interessante Korrelation: Wo die Leute besonders unehrlich sind, liegt auch das Wirtschaftswachstum besonders niedrig.  Die Feststellung solcher Kultur- und Länderunterschiede ist politisch nicht sehr korrekt, aber man muss solche Fakten zur Kenntnis nehmen.

 

Und was folgern Sie daraus?

Die Charakterbildung durch Elternhaus und Schule ist extrem wichtig. Es gibt ein gesellschaftliches, aber auch gesamtwirtschaftliches Interesse, dass Menschen keine antisozialen Präferenzen herausbilden. Und Präferenzen lassen sich - auch mithilfe der Verhaltensökonomie - aktiv beeinflussen. Ich weiß, das Thema ist heikel ...

 

... zumal es auch in der Politik angekommen ist. Mit dem von Verhaltensökonomen entwickelten Konzept des "Nudging" soll unterschwellig ein "richtiges" Verhalten der Bürger erzeugt werden. Finden Sie das gut? 

Ich halte Nudging für legitim. Menschen treffen nicht immer die für sie besten Entscheidungen, sonst gäbe es keine Raucher und weniger Übergewichtige. Ein staatlicher "Stupser" kann sozial und gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen fördern. Etwa, wenn sogenannte Opt-in-Modelle durch Opt-out-Regeln ersetzt werden.

 

Was heißt das?

Nehmen Sie das Beispiel Organspende. Man kann wie in Deutschland sagen: Niemand ist Organspender, solange er nicht zustimmt. Der Staat kann aber auch wie in Österreich festlegen: Jeder ist nach seinem Tod potenzieller Organspender, solange er zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. In diesem Fall gibt es für Kranke mehr Spenderorgane. Nudging-Kritiker müssen sich fragen lassen, ob es nicht eine stärkere staatliche Bevormundung ist, wenn die Politik Verhalten durch Steuern beeinflusst, Dieselfahrzeuge komplett verbietet oder Subventionen für alles Mögliche zahlt. Auch die Industrie "nudgt" Millionen von Konsumenten, durch Werbung und Produktgestaltung. Warum soll es böse sein, wenn der Staat für sinnvolle Ziele die Präferenzen der Menschen zu beeinflussen versucht?

 

Weil dann der Staat bestimmt, was gut für uns ist. Weil die Politik mithilfe von Verhaltensökonomen Strategien entwickeln könnte, die Bürger in eine politisch gewünschte Richtung zu dirigieren

Klar, die Ziele und Instrumente des staatlichen Nudging sollten auf einem demokratischen Dialog basieren. Aber ich bleibe dabei: Im Kern ist wohlmeinendes staatliches Nudging weniger freiheitsgefährdend und invasiv als direkte Verbote und Regulierung.

 

Ein wichtiges Element Ihrer Forschung sind Laborversuche. Wie darf man sich ökonomische Experimente vorstellen? 

Wir haben an unserem Institut in Zürich zwei Labore. Das eine ist ein Raum mit 36 durch Sichtschutzwände abgetrennten Tischen, auf denen ein Computer steht.  Dort führen wir einfache Experimente durch, etwa zu Risikofreude, Kooperationsbereitschaft oder zu Reaktionen auf bestimmte Anreize. Das zweite Labor liegt im Untergeschoss der Universitätsklinik. Dort stehen uns für neuroökonomische Experimente ein Hirnscanner, ein EEG-Gerät und Instrumente zur nicht invasiven Hirnstimulation zur Verfügung. Hier sind die Richtlinien natürlich ungleich schärfer. Es ist immer ein Mediziner in der Nähe.

 

Wie kommen Sie an Probanden heran? 

Über ein eigenes Rekrutierungsteam und eine große Datenbank der Universität.  Dort sind auf freiwilliger Basis rund 7000 Personen gespeichert, die wir bei Bedarf anschreiben können.

 

Bei Ihren Versuchen bekommen Testpersonen mitunter starke Magnete an den Kopf gehalten, um einzelne Gehirnregionen herunterzuschalten. Sehen Sie ethische Grenzen beim Umgang mit Probanden?

Natürlich. Da gibt es bei uns klare Richtlinien. Jedem Experiment geht ein strenger Genehmigungsprozess durch die kantonale Ethikkommission voraus.

 

Zuletzt haben Sie mit Ihrem Kollegen Daniel Schunk aus Mainz mit 600 Grundschülern als Testpersonen gearbeitet. Es gibt Kritiker, die verhaltensökonomische Experimente mit Kindern nicht gern sehen ...

... aber wieso sollten Verhaltensökonomen nicht mit Kindern arbeiten? Bei unserem Experiment ging es um die Frage, ob und wie schnell sich durch computerbasiertes Training des sogenannten Arbeitsgedächtnisses die Selbstbeherrschung, die Aufmerksamkeit und mathematische Fähigkeiten verbessern lassen. Wir haben interessante Erkenntnisse gewonnen - schon nach wenigen Wochen sind die Fähigkeiten der Kinder gestiegen. Die Eltern haben zugestimmt, alles war freiwillig, und als Dankeschön haben wir den teilnehmenden Schulen neue Computer spendiert.

 

Sie wären auch eine interessante Testperson: Sie arbeiten bereits seit 1994 an der Universität Zürich und haben lukrative Angebote ausländischer Topunis abgelehnt. Warum? 

Zum einen hat die Universität all die Jahre großzügig die Ressourcen bereitgestellt, die ich für meine Forschung brauche. Zum zweiten war ich bereits mehr als 40 Jahre alt und international bekannt, als die Angebote aus den USA kamen. Ich habe keinen Wechsel benötigt, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Bei einem 28-Jährigen mag das anders sein. Mein Bestreben ist daher, in Zürich eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät aufzubauen, die so gut ist, dass auch junge Ökonomen bleiben - selbst wenn Angebote aus Yale und Berkeley kommen.

 

Und? Wie weit sind Sie gekommen?

Bei unserer Graduate School bewerben sich auf 15 Stellen mehr als 500 Ökonomen aus aller Welt und wollen in Zürich promovieren. Unser Institut für Volkswirtschaftslehre zählt mittlerweile wohl zu den fünf besten VWL-Instituten in Europa, wenn man sich die Forschungsleistung und die Veröffentlichungen in Topjournals ansieht ...

 

... und das alles unter anderem finanziert mit einer 100-Millionen-Franken-Spende der Schweizer Großbank UBS. Wie unabhängig können Sie forschen, wenn ein derart hoher Betrag von einem privaten Konzern kommt? 

Ich bliebe auch unabhängig, wenn der Betrag fünfmal höher wäre! Wir haben bei der Vertragsgestaltung einige No-Gos festgelegt. Was die Forschung, die Lehre und die Besetzung der Lehrstühle betrifft, hat die UBS überhaupt keine Mitspracherechte. Das hat die Bank sofort akzeptiert. Denn wir alle wissen: Die aufklärerische Funktion der Wissenschaft endet in dem Moment, in dem man sie einschränkt.

 

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